LIR - Literatur Imagination Realität, Band 2
Anne Amend:
Zwischen "Implosion" und "Explosion" - zur Dynamik der Melancholie im Werk der Germaine de StaŽl


Im 18. Jh. indiziert eine Flut von medizinischen, philosophischen, psychologischen oder anthropologisch ausgewiesenen Traktaten das wachsende Interesse an der Melancholie. Unter dem Banner der Schwermut subsumiert man meist psychosomatische Abnormitäten - von der tiefen Traurigkeit bis hin zur offenen Form der Geisteskrankheit. An der Schwelle zum 19. Jh. deutet sich eine Wandlung des Melancholiekonzepts, im Sinne einer fundamentalen Dynamisierung, an. Mme de StaŽls Werk erweist sich hier als in geradezu idealer Weise repräsentativ, die sich zwischen den Fronten der "Explosion" (Kreativität) und der "Implosion" (Depressivität) vollziehende Dynamik zu erhellen. Die geistesgeschichtliche Idee der Melancholie liefert Mme de StaŽl eine Art "Para-Thematik", eine vor dem eigentlichen Thema rangierende Abstraktionsstufe. Sie ist überall - umhüllt u.a. von den Masken der Nostalgie, des Exils, der Hypochondrie, der Hysterie, der (unschuldigen) Schuld, des Liebesschmerzes - und nirgends; sie erscheint faŖbar und verflüchtigt sich dennoch schnell beim Zugriff.

Die Arbeit beschreibt die Totalität der Melancholie im Spiegel des Werks einer schillernden Schriftstellerin. Dem Facettenreichtum des Gegenstands entspricht eine methodische Entscheidung, die sich vor einer "werkimmanenten" (Lektüre der sich dem Werk anpassenden "attention flottante" / Starobinski) und einer "werktranszendierenden" Prämisse artikuliert. Auf dieser Basis kommen Interdisziplinarität und ein der Melancholie adäquater Methodenpluralismus zum Tragen.


ISBN 3-88476-028-9, 564 S., kt., Ä 30,50 (1991)


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